Texte

Text Susanne BraunU-webText Prinzessin

Akt

Strotzend vor Kraft
Nackt und stolz
Amazone ohne Pferd
So steht sie da
Unverwundbar
Unbeirrt
Kein Schwert, nur ein Ast
Sie ist sich sicher

Kämpfen müssen die anderen

 

Du gehst
Aufrecht und frei
Azurblaue Schmetterlinge
In deinem
Haar

Der Horizont leuchtet rosa

 

Wo ist er?
In die Ferne geht dein Blick.

Du leuchtest-
Er wird dich finden!

Susanne Braun 2015

Amazone

Da steht sie, fest auf dem Podest, die Füße auf der weichen Decke fest verankert, den Flausch ignorierend. Aufrecht, stolz, strotzend vor Kraft, wie ein Baum. Wie das große Ganze, die Essenz des kleinen Astes, den sie hinter ihrem Rücken hält. Eine Kriegerin, die Ausschau hält, entspannt und doch abwehrbereit, wer lebt noch, wer nicht? Da steht sie, nackt bis auf diesen Ast, den Blick in die Ferne gerichtet. Eine Amazone ohne Rüstung, ohne Pferd. Archaisch. Ein entschlossener Mund, klare Augen. Ein kluger Kopf auf einem kräftigen Hals. Sie hält ihn fest, diesen Ast, aber trotzdem sind ihre Hände weich. Sie weiß um ihre Kraft, ihre Schnelligkeit. Sie ist sich sicher. Sie ist eine Königin, die souverän ihr Land überblickt. Ihre Brüste, klein und fest, fast mädchenhaft, haben noch kein Kind genährt. Sie ist keine liebende Mutter, keine Geliebte, keine zarte Frau. Sie ist eine Kämpferin, eine Kriegerin. Sie braucht keinen, der sie beschützt. Sie ist selbst wie ein Pfeil. Blitzschnell, direkt, unfehlbar. Ihre Haut ist glatt. Unverwundet, ohne Makel. Es gibt keine Narben, sie ist heil. Da steht sie, frei, und wankt nicht. Unbeirrt von all denen, die um sie herum kämpfen. Leiden. Zweifeln. Sie benutzen, taxieren. All das perlt von ihr ab. Es benetzt sie nicht einmal. Sie steht- auf ihrem Podest. Über allem.

Susanne Braun 2015

Alle Jahre wieder

Wer mich kennt, weiß, ich bin ein friedlicher Zeitgenosse, freundlich zu meinen Mitmenschen, und auch Tiere achte ich als gleichberechtigte Lebewesen. Der Regenwurm, der mir beim Gartenumgraben in die Quere kommt, wird liebevoll umgesetzt, Spinnen kehre ich vorsichtig aus dem Haus, und Bienen oder Wespen, die sich ins Zimmer verflogen haben, fange ich in einem Glas und entlasse sie wieder nach draußen.
Alljährlich im Herbst aber, wenn die Blätter sich bunt färben, in den Kirchen Erntedank gefeiert und der Sommer wehmütig verabschiedet wird , verwandelt sich mein friedfertiges Gemüt und ich mich wie Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Jedes Jahr um diese Zeit erwachen in mir tiefer Hass, Jagdfieber und Mordlust. Und ich beginne einen Feldzug, der sich über viele Wochen erstreckt, töte blindwütig, ohne Gnade, Tag und Nacht.
Meine Opfer: Die Tau/- Frucht oder Essigfliegen, lat. Drosophilidae Melanogaster. Sie sind winzig klein, selbst die Giganten unter Ihnen werden nur gut 3mm groß, sie sind harmlos und geräuschlos. Aber sie vermehren sich innerhalb kürzester Zeit und sind somit die Stars in den Versuchslabors der genetischen Forschung. Sie schaffen es, ihre Population innerhalb von wenigen Stunden zu vervielfachen.
Doch was der Wissenschaft nützt, treibt mich in den Wahnsinn: war es zunächst nur eine kleine Fliege, so sind es binnen Kurzem ganze Schwärme, die mir bevorzugt in der Küche Gesellschaft leisten. Sie umschwirren mich beim Kochen, fallen über die Markteinkäufe her, erheben sich in wahren Wolken, wenn ich Blumenvasen verrücke oder den Deckel vom Brotkasten hebe. Obstkuchen sind einer ihrer beliebtesten Lebensräume, und Myriaden von winzigen Plagegeistern kann derjenige erleben, der immer noch so unvorsichtig ist, seinen Komposteimer statt auf dem Balkon in der Küche zu stationieren. Sie sitzen in gefüllten Weingläsern, an Küchenschränken, Wänden, Türrahmen und im Backofen- sie sind ÜBERALL!
Strategien, den Tierchen den Garaus zu machen, gibt es viele, die naheliegendste Möglichkeit: Nahrungsmittelentzug! Alles Essbare, vor allem Fruchtige wird in den sicheren, weil absolut dichten Kühlschrank verbannt. Geöffnete Saftflaschen sind tabu, und das abendliche Viertele Roter wird durch Mineralwasser ersetzt. Kaum praktikabel!
Da die Firmen, die Schädlingsbekämpfungsmittel herstellen, wohl die Dringlichkeit der Situation noch immer nicht erkannt haben, werden Tipps von Hausfrau zu Hausfrau heiß gehandelt. Aber auch der Neueste, den ich ausprobierte , „ man fülle ein Schälchen mit feinstem ital. Balsamicoessig, darauf ein dünne Schicht Olivenöl (natürlich extra virgine!), schlug fehl. Lediglich 8 kleine Leichen schwammen im mediterranen Grab, der Rest der Sippe flog lustig darum herum. Also praktiziere ich nach wie vor die brutale, aber effektive Methode: Erschlagen. Auf meiner Spüle liegt die bewährteste aller Mordwaffen, ein halbfeuchtes Küchentuch; das Tuch mit der Lizenz zum Töten. Jeden Tag wird es, schwarzgesprenkelt, durch ein Frisches ersetzt. Nach einigem Üben erwische ich die Fliegen sogar in der Luft, um sie dann an der gefliesten Küchenwand zu erledigen. Weder an der Unterseite von Hängeschränken entgehen die Mücken meinen forschenden Blicken, noch wenn sie gut getarnt auf Topflappen oder dem Küchenkalender sitzen.
Besondere Genugtuung bereitet es mir, manchmal Zwei oder mehr auf einen Streich zu erledigen. Dann kann ich mir lautes Triumphgeheul nicht verkneifen, und, angespornt durch die Steigerung meiner Mordrate, pirsche ich weiter durch die Räume, das feuchte Tuch schwingend wie ein Gladiator seinen Morgenstern.
In solchen Momenten bemerke ich dann vielleicht auch hin und wieder die befremdlichen Blicke meiner restlichen Familienmitglieder, die sich langsam Sorgen um mich machen….
Doch trotz jahrelanger Übung und ausgefeilter Technik gelingt es mir nicht, alle Plagegeister zu töten. Einige Exemplare versuchen nämlich, sich zwischenzeitlich in nahrungsmittelfreie Räume zu flüchten, selbst im Badezimmer krabbeln sie über mein Spiegelbild. Manchmal lässt sich sogar mein Mann von meiner Hetzjagd anstecken und meldet Vollstreckung aus Räumen, die ich bislang fliegenfrei wähnte, unser Schlafzimmer beispielsweise.

So vergeht Tag um Tag .Gegen Ende Oktober lässt mein Jagdfieber langsam nach und die Erkenntnis, diese Winzlinge wohl nie endgültig ausrotten zu können, setzt sich durch. Mit dem Nachlassen meiner Mordlust verringert sich komischerweise auch die Population der Fliegen, und nur noch wenige, dafür umso prächtigere Exemplare, fallen mir zum Opfer.
Und dann, eines Tages, die Nebel hängen morgens schwer zwischen den Häusern, und Halloweenkürbisse leuchten, ist der Spuk plötzlich vorbei.
Keine einzige Fliege ist mehr zu sehen. Sie sind weg! Ich kann es kaum glauben, und warte noch zwei Tage, bevor ich daran gehe, die Küchenfronten und Fenster endgültig von den Spuren des Massakers der vergangenen Wochen zu befreien…bis zum nächsten Jahr!

Susanne Braun 2015